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Olaf Boccère und Igor

Hinter beiden Pseudonymen verbirgt sich ein junger französischer Autor und Künstler, der eher durch Zufall für einige Jahre in der erotischen Comic-Szene tätig war und mit Chambre 121 einen echten "Erotik-Hit" landete.

Es begann 1995, als Boccère einige Arbeitsproben an diverse Verlage versendete. Für ihn eher überraschend meldete sich der spanische Erotik-Verlag La Cupula. Trotz einer zu der Zeit geringen Bezahlung pro Seite, wurde Boccère glücklicherweise doppelt bezahlt, da seine Comicseiten im spanischen wie im französischen Kiss Comix Magazin (der französische Ableger wurde 1997 in La poudre aux rêves umgenannt und lief bis 2001) veröffentlicht wurden. Zu dieser Zeit wollte La Cupula auf dem französischen Markt mitmischen und suchte daher verstärkt französische Künstler.

Boccères Ausflug in die Erotik dauerte leider nur bis Ende 2003. Es war abzusehen, das der finanzielle Aspekt für ihn wichtiger wurde, da die Bezahlung pro Comicseite den Aufwand nicht mehr deckte.

Angefangen hat alles mit der Geschichte Vanessa, die er unter dem Pseudonym Igor veröffentlichte. Inspiriert wurde sein entwickelter Zeichenstil durch Comickünstler wie Fernando Fernandez oder Alex Niño. Daraus folgte eine kleine Serie mit Frauennamen als Titel, die alle auf A enden; wie zum Beispiel Anita, Isabela, Barbara, Lydia,...

Danach änderte Igor sein Pseudonym in Olaf Boccère und seinen Zeichenstil. Dieser wurde nun genauer, gradliniger, akzentuierter.

Boccère entwickelte die Serie Voyage en profondeur; ein verrückter Geschichts- und Genre-Mix mit Anleihen aus Jules Verne, Conan Doyle und Jonathan Swift Romanen. Die gesamte Serie kam auf rund 150 Seiten. Boccère (frei zitiert): "...die Leser stimmten über ihre Lieblingsserien ab und meine wurde so ziemlich letzte. Tatsache war, durch ihren geringen "Sexanteil" wurde die Reihe bei den Lesern nicht mehr richtig wahrgenommen. Schön zu lesen, aber mehr nicht..."

Dann folgte zwischen 2000 und 2003 "Chambre 121". Boccère bekam die Grundidee, durch seine eigenen Erfahrungen, als er selbst vor Jahren in einem Hotel arbeitete. So entwickelte sich das Serien-Konzept von einem Empfangschef - als Hauptcharakter der Serie -, der zusammen mit der Hotelmanagerin speziellen Kunden einen eher "persönlichen Service" in einem bestimmten Zimmer - dem Raum mit der Nummer 121 - anbieten. Jede Kurzgeschichte fasst sechs Comicseiten, wovon immer vier Seiten der "Erotik" - sprich, dem Sex - gewidmet sind. Eigentlich sollte der Raum die Nummer 69 tragen, in Andenken an Lyon (Lyon hat die "Postident-Nummer" 69), wo Boccère anscheinend seine Hotelzeit verbrachte. Das war aber zu naheliegend und deshalb änderte er die Zimmernummer.

In "Chambre 121" wurde die Nachbearbeitung am Computer weiter forciert, um dadurch die Qualität der einzelnen Comicseiten zu steigern. Olaf Boccère experimentierte mit verschiedenen Bildbearbeitungsfiltern. Er veredelte die Präsenz der Seiten durch abgestufte Grau-Flächen, mit eingearbeiteten Mustern für Kleidung und Wände, sowie durch Effekte, wie - aus der Filmtechnik bekannten - (Blenden-)Unschärfen und abgesofteten Hintergründen. Boccères Zeichenstil durchlief im Laufe der Serie einige Wandlungen. In den meisten Kurzgeschichten ist der Zeichenstrich sehr akzentuiert und präzise gesetzt, dann wieder - im eigentlichen "Igor-Style" - etwas flüchtiger und skizzenhafter. Zudem kann auch die nachträgliche Computerbearbeitung in ihrer Fülle pro Seite variieren. Das Layout (die einzelne Bildaufteilung) der Seiten selbst ist durchgehend ansprechend, abwechslungsreich und spannend. "Chambre 121" kam am Ende auf über 250 Seiten.

Der liebenswerte Charme der Serie entsteht durch die klischeelose, humorvolle Annäherung an die Thematik. Boccères Charaktere sind keine Sexfantasie-Figuren, sondern gezeichnete, gelebte Menschen, mit ihren Fehlern und Komplexen, ihren Wünschen und Sehnsüchten. Boccère deckt im Laufe der Reihe eine Menge an erotischen Themen ab. Sex mit Schwangeren, Unerfahrenen, Fetischen und leichten Bondage-Wünschen,... Ja, sogar ein paar Nonnen schätzen den Service im Hotelzimmer mit der Nummer 121. Nur in wenigen Kurzgeschichten wird Boccère in der gezeigten Sexpraktik "extremer"; dabei aber nie gewaltvoll oder abstossend, sondern immer spielerisch und unbeschwert.

Der französische Vertrieb Dynamite hat die besten Geschichten aus der Reihe in vier DIN A4-Softcover Ausgaben neu aufgelegt.
Aktuell sind die Künstler-"Nicknames" Boccère und Igor "inaktiv" und der sich dahinter verbergende Zeichner arbeitet heute unter einem anderen Namen. Boccère (frei zitiert): "Das Problem mit den Sex-Comic ist, das es so gut wie keine Verleger gibt - und die wenigen die wir haben, greifen lieber auf ausgearbeitete, bekannte Sachen zurück, die als Lizenz zudem noch günstiger zu erwerben sind."

Veröffentlichungen (Auswahl):
- Yovage en profondeur
(französiches Kiss Comix Magazin; u.a. #47, #58)
- Chambre 121 (Room 121) (Edition La Cúpula/Dynamite)
- Taschenbuchalben 1 bis 4
- (Wiederveröffentlichung: 2005, 2006, 2008, 2009)
- Illustrationen für Èdition Sabine Fourniers Buchreihe
- "Les Aphrodisiaques" (2005).

Interviews:
- Im französischen Kiss Comix Magazin 26
- Auf David Tapissiers Blog

Links:
- französischer Wikipedia Eintrag
- Olaf Boccère Blog

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